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Sonntag, 4. 11. 2001, 17 Uhr:
Eröffnungskonzert der Woche
der jüdischen Musik 4.-10. November 2001
im Mainzer Rathaus
Hoscha’na Rabbah in Casale Monferrato (1732)
"Wie ein Vogel, der zieht von seinem Nest"
Liturgische Texte und eine Kantate-quasi-Oratorium
Aus der in Moskau aufbewahrten Manuskripte
mit dem Ensemble
‘IL CIMENTO’
Leitung:
Matthew Peaceman, Barockoboe, Schofar
Roger Durstewitz, Sprecher
Paul-Gerhardt Adam, Altus
Nikola David, Tenor
Sun-Il Kim, Bariton
Thomas Möller-Stegemann, Bariton
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Die Engeln |
Dodim |
Unter dem Einfluss liturgischer Strömungen, deren Entwicklung auf das kabbalistische Zentrum in Safed (im heutigen Israel) während des 16. Jahrhunderts zurückgeht, wurden zunächst in den jüdischen Gemeinden Italiens und des Mittelmeerraumes, später in ganz Europa, Nacht-Vigilen (hebräisch: tikkunim) eingeführt. Solche Veranstaltungen fanden zu unterschiedlichen Anlässen des liturgischen Jahreszyklus statt, so auch zur Nacht von Hoscha’na Rabbah. Dieser Feiertag, in Italien jom ha-chotam (Tag des großen Siegels) genannt, steht für die letzte Gelegenheit zum Erhalt der göttlichen Vergebung von den Sünden des Vorjahres und wird als Erweiterung des Versöhnungstages ( jom kippur) gesehen. In der Nacht vor Hoscha’na Rabbah werden flehentliche Bitten an G“tt gerichtet, die Gebete des Volkes Israel für Erlösung und für den Wiederaufbau des Tempels zu erhören.Im 17. und 18. Jahrhundert boten die Nacht-Vigilen zu Hoscha’na Rabbah vor allem im italienischen Raum eine gern genutzte Gelegenheit für die Aufführung von Kunstmusik; sie wurde hauptsächlich von religiösen Bruderschaften wie den schomerim lab-boker (Hüter der Dämmerung) gepflegt. In der Zeit von 1730 bis 1740 erreichten diese Aufführungen in der jüdischen Gemeinde von Casale Monferrato, die aschkenasischen Ursprunges (italienisch: „Tedesco“) war, einen künstlerischen Höhepunkt. Das früheste bisher gefundene Zeugnis dazu ist die Zeremonie von 1732.
Nach längerer Herrschaft der Gonzaga fiel das piemontesische Casale Monferrato im Jahre 1709 an die Grafen von Savoyen. Seit dem 15. Jahrhundert lässt sich in der Stadt eine jüdische Gemeinde nachweisen, der im 18. Jahrhundert 500 bis 700 Personen angehörten. Die prachtvolle Synagoge aus dem Jahr 1595, in der die musikalischen Feierlichkeiten, stattfanden, gilt als eine der größten Synagogen Italiens vor der Neuzeit. Das musikalische Ereignis des Jahres 1732 fand in einer Phase intensiver Bemühungen statt, die drohende Gettoisierung zu verhindern.
Die wichtigste Quelle zu den musikalischen Aufführungen der jüdischen Gemeinde von Casale Monferrato bildet ein Manuskript in der Russischen Staatsbibliothek in Moskau. Es wurde 1964 in den dortigen Beständen aufgefunden und enthält drei Partituren für die Hoscha’na Rabbah-Feierlichkeiten der Jahre 1732, 1733 und 1735. Neben diesen Partituren sind weitere Zeugnisse, sowohl Libretti von Kantaten, die während der Zeremonien aufgeführt wurden, als auch zusätzliche literarische Texte in anderen Hand- und Druckschriften erhalten geblieben.
Die Zeremonie teilt sich in zwei Abschnitte: Der erste Teil besteht aus einer Reihe von liturgischen Gesängen und Instrumentalwerken, die als eine Art Einführung in den Hauptteil der Zeremonie fungieren. Der zweite Teil enthält eine Kantate-quasi-Oratorium, deren Libretto eigens für die musikalische Zeremonie eines jeweiligen Jahres geschrieben wurde. Als Autor der Libretti für das Jahr 1732 lässt sich S. H. Jarach identifizieren. Initiiert wurden die Feierlichkeiten von Joseph Hayyim Chezighin (italienisch: Guiseppe Vita Clava), der die Libretti in Auftrag gab, wahrscheinlich die Zusammenstellung und Herausgabe der musikalischen Werke unternahm sowie als Kapellmeister und Cembalist an den Aufführungen mitwirkte. Es ist möglich, dass er zudem manche Stücke komponierte oder arrangierte.
Man kann annehmen, dass die Entstehung einer Partitur sich in vier Phasen vollzog. Zunächst wurde ein hebräisches Libretto geschrieben. Dann wurde eine italienische Fassung dieses Librettos erstellt. Im Anschluss daran wurde die italienische Version musikalisch bearbeitet, oder Kompositionen aus dem geläufigen Repertoire der Zeit wurden an den neuen Text adaptiert. Schließlich wurde die Partitur zur Aufführung erstellt, und das hebräische Libretto wurde der Musik angepasst. Die Notwendigkeit, die hebräischen Texte der Handschrift in lateinischen Buchstaben phonetisch darzustellen, hängt mit der zur musikalischen Notation entgegengesetzten Schreibrichtung des Hebräischen zusammen. Mehrere Beispiele unpassender rhythmischer Aufteilung der hebräischen Fassung zeigen, dass die Musik ursprünglich für die italienische Textversion geschrieben worden war. Eine der Ouvertüre-Sinfonien konnte im italienischen Repertoire der damaligen Zeit sicher nachgewiesen werden, bei anderen Instrumentalsätzen ist dies zu vermuten, und bei verschiedenen Vokalsätzen wird angenommen, dass sie aus Bruchstücken mehrerer Quellen zusammengefügt wurden – mit Ausnahme der Rezitative, die vermutlich speziell für das jeweilige Ereignis komponiert wurden. Aller Wahrscheinlichkeit nach passte Joseph Hayyim Chezighin den hebräischen Text der Libretti an die Partitur an, stellte die Musik des ersten Teils sowie der Sinfonien-Ouvertüren des zweiten Teils zusammen und gab sie heraus. Es ist möglich, dass er sowohl manche der Melodien des liturgischen Textes, als auch orchestrale Vor- und Zwischenspiele komponierte oder arrangierte. Der Umstand, dass eine italienische Version der Libretti existiert, verweist darauf, dass die anonymen Komponisten der Kantaten keine Juden waren.
In Hinblick auf die Beziehung zwischen den liturgischen Gesängen im ersten Teil und dem traditionellen Repertoire der Tedesco -Tradition des Synagogalgesanges stellt der Abschnitt Nr. 4a aus der Zeremonie des Jahres 1732 den interessantesten Fund dar. Es handelt sich hierbei um ein Arrangement des Psalms 13:7 (für zwei Stimmen und Basso Continuo), der Teil der semirot, der täglichen Morgengebete (pesuke de-simrah), ist. Zwar ist der Satz unter musikalisch-künstlerischen Gesichtspunkten unbedeutend, doch ist sein Quellenwert umso größer, handelt es sich doch um eine der frühesten bekannten Fassungen der traditionellen aschkenasischen Melodie für den Gebetsritus der Hohen Feiertage „shofet [kol ha-arets]“.
Das 1992 von Matthew Peaceman gegründete Ensemble ‘IL CIMENTO’ ist ein Barockorchester, das auf historischen Instrumenten spielt. Das Ensemble hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Solo-, Kammer- und Orchestermusik des frühen 17. bis 19. Jahrhunderts mit Rücksicht auf die damaligen musikalischen Bedingungen zu interpretieren und aufzuführen.
‘IL CIMENTO’ hat sich als Ziel gesetzt, Fragen der musikalischen Affekte und Artikulation, Improvisation, alten Stimmungen und Tempi sowie die der kulturellen, soziologischen und politischen Bedingungen dieser Epochen in die Interpretation mit einzubeziehen. Dadurch werden die Voraussetzungen für stilgerechte Aufführungen geschaffen, die auf der Tiefe des historischen Verständnisses basieren und der Musik gleichzeitig unmittelbare musikalische und emotionale Relevanz verleihen; eine historisch informierte, moderne Authentizität. Jedes einzelne Mitglied des Ensembles ‘IL CIMENTO’ hat sich auf die verschiedenen Spieltechniken spezialisiert, die zur Beherrschung der alten Instrumente gehören und dazu beitragen, einer ausdrucksstarken, stilgerechten Spielweise näher zukommen.
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